Zum Jahreswechsel mit Psalm 68: von Lasten und vom Tragen




Du darfst bei uns alles ändern - haben sie gesagt. Damals, im Jahr 2000, als ich nach Visquard kam als Pastorin. Aber eins darfst du nicht ändern: am Ende einer Beerdigung singen wir immer Psalm 68, 6: Anbetung, Ehre, Dank und Ruhm
Da habe ich kein Problem mit, ein starker Psalm ist das, antwortete ich.
 

In der Tiefe habe ich das Anliegen aber erst verstanden bei meinem ersten Beerdigungsgottesdienst. Ich sollte vorausschicken: der Sarg steht dann immer in der Kirche neben dem Abendmahlstisch. Also: alle Worte waren gesagt, die Aussegnungsworte hatten den Trauergottesdienst abgeschlossen, da begann der Organist ganz langsam und leise die Melodie des 68. Psalms einzuspielen. Die Sargträger und der Leichenbitter gingen zum Sarg. Sie hielten einen Moment Stille, ein kurzes Gebet. Dann begannen sie, die Kränze vorsichtig zur Seite zu räumen. Mittlerweile hatte die Gemeinde angefangen zu singen: Anbetung, Ehre, Dank und Ruhm sei unserem Gott im Heiligtum, der Tag für Tag uns segnet. Dem Gott, der Lasten auf uns legt, doch uns mit unsern Lasten trägt und uns mit Huld begegnet.
Sobald die Träger den Sarg neben dem Abendmahlstisch wegzogen, sobald also der Sarg bewegt wurde, stand die Gemeinde auf und sang im Stehen weiter. Ein letztes Geleit, eine letzte Ehrerbietung für den, der aus ihrer Mitte genommen worden war, der jetzt durch die Gemeinde noch einmal gezogen wurde im Sarg.

Für mich war das in den 22 Jahren, die ich dort Dienst tat, immer ein Gänsehaut Moment. So viel Würde lag in diesem Augenblick, wo ein Mensch zum letzen Mal in der Kirche war und dann die Kirche für immer verließ. Und wie wunderbar, dass der Gemeinde dieser Moment so kostbar war, dass sie darauf nicht verzichten wollte.

Er kann, er will, er wird in Not vom Tode selbst und durch den Tod uns zu dem Leben führen. Erst wenn wir zu Ende gesungen hatten, verließen Familie und Gemeinde die Kirche. 

Seitdem ist der 68. Psalm ganz dicht an meinem Herzen. Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch. So heißt es in der Bibel in Psalm 68, 20.

Wir sind auf der Schwelle zum Neuen Jahr. Was mag 2026 bringen? Werden Kriege beendet? Und hoffentlich keine neuen angefangen? Wird die Schere zwischen Arm und Reich noch größer? Es wird viele Landtagswahlen geben. Werden noch mehr Menschen glauben, dass die AFD wirklich eine Alternative ist? Wird das Gespenst Faschismus wieder auferstehen? Werden mehr Leute begreifen, wie wichtig Demokratie ist und sich dafür einsetzen? Ich könnte diese Liste an Fragen noch viel länger machen.

Ich möchte mich mit beiden Händen festhalten an dem Psalmwort: Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch.

Es wird nicht alles glatt laufen im Neuen Jahr. Es wird nicht immer nach unseren Wünschen gehen. Da ist manche Kröte, die geschluckt werden muss. Aber trotzdem will ich nicht aufgeben und Zuversicht einüben. Da bin ich gar nicht gut drin. Das muss und will ich üben. Ich will lernen, positiv nach vorne zu sehen und handlungsfähig zu bleiben.

Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
Dietrich Bonhoeffer

Und noch einmal Bonhoeffer:
Mag sein, dass der Jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht.

Habt ein gutes, gesegnetes Neues Jahr!
Herzliche Grüße von
Heike Schmid



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